Weinverkostung daheim: Von Heftpflastern und Tanninen



Beim Rotweinseminar daheim wird mehr getrunken als geplant. Schuld? Heftpflaster.

Wer allein daheim trinkt, macht sich schnell verdächtig, ein Problem zu haben. Wer aber allein daheim trinkt, genießt und sich dabei noch weiterbildet, der darf auch die zweite Flasche Wein öffnen.


Weil auch ihnen ihr Kerngeschäft rund um Alkohol untersagt wurde, bietet die Münchner Wein- und Genussschule "Einfach genießen" ein Rotweinseminar für zu Hause an. Für 89,90 Euro werden sechs Weine aus fünf europäischen Ländern und zwei 26-seitige Seminarbooklets nach Hause geliefert. Sechs Flaschen Wein sind eine klare Ansage für eine Frau allein, deshalb entschließe ich mich, erst einmal einen Wein zu verkosten.



Schick gemacht für die eigene Verkostung.



Da nur selten etwas Besonderes passiert dieser Tage, schminke ich mich, ziehe ein Kleidchen an und mache es mir mit meinem Weinpaket und dem Büchlein auf der Chaiselongue bequem. Ob ich wohl schon ein Gläschen Wein trinken kann, während ich lese? Ich beschließe, dass das im Rahmen meiner Weinverkostung möglich ist. Ich errate beim Quiz erfolgreich, wie Rotwein hergestellt wird, lese danach die Begriffserklärungen und vertiefe mich in die Ausführungen, wie man mit Rotwein umgeht. Mein Wein hat Zimmertemperatur, nicht ideal, aber so wird er in meinen heiligen Hallen stets getrunken und ich stelle fest, dass mein Kämmerle als Weinlager sonst sehr gut geeignet ist. Darüber habe ich mir nie Gedanken gemacht, weil der Wein schnell wegkommt.

Im Booklet heißt es, ich solle mit dem Primitivo – Salento Tenuto Rubino – starten, den ich – wie im Booklet erklärt – nach Aussehen (rubinrot), Geruch (erst schnuppern ohne und dann mit schwenken) und Geschmack (Aromen: Brombeere, Süßkirsche, Erdbeere, Lakritze, Zimt, Pfeffer) beschreibe. Ich versuche es selbst und kreuze die Vorlage zum Weinverkosten mit Farbtiefe, Süße, Länge und Qualität an. Im Internet finde ich den Burschen für 5,90 Euro. Würde ich wieder trinken an einem Donnerstagnachmittag auf dem Sofa.



Ein Wein mit Heftpflastern



Ich schmökere noch ein bisschen im Büchlein und finde als Beispielwein für ein hohes Tannin den Saint Joseph Les Cotes von Domaine Vincent Paris (etwa 26 Euro), der laut Booklet neben Brombeere, Süßkirsche, Stein, Fleisch (abgehangen) auch durch Heftpflaster-Aroma besticht.

Ich öffne die Flasche und rufe sofort einen Freund mit einer Pflasterphobie an, um mit ihm als Zuhörer gekonnt den Wein zu verkosten. Auch wenn ich die ganze Flasche weggeschnuppert und getrunken hätte, ein Heftpflaster konnte ich nicht ausmachen. Wohl aber eine Freude daran, mich mit dem Wein auseinanderzusetzen.



Die ursprünglche Erscheinung lesen sie hier.



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