SEKT AUS DEUTSCHLAND, WIR HABEN IHN GETESTET


Das hört sich doch klasse an! Sekt von unseren Spitzenproduzenten aus Deutschland, der richtig Spaß machen. Es gibt aber auch noch eine andere Seite des Sekts. Große Sektmarken, die in riesigen Mengen produziert werden. Es handelt sich um 450 Mio. Flaschen pro Jahr. Das ist deutlich mehr als Cava, Champagner und sogar Prosecco! Dabei gibt es unter den rund 1.600 Produzenten wenige sehr große dafür viele kleine Anbieter. 85% der Erzeuger produzieren weniger als 10.000 Flaschen Sekt pro Jahr.

MARKENSEKT

Wie schmecken die Sekte der großen Marken? Das möchte ich jetzt schon länger wissen und habe Markensekte aber auch Winzersekte der Spitzenklasse zu einer Verkostung zusammengestellt. 

Die großen Hersteller produzieren hauptsächlich im Tankgärverfahren und verwenden großteils Trauben bzw. Grundweine aus ganz Europa. In diesem Fall darf das Produkt "Sekt" genannt werden. Oft liest man dann auf dem Rückenetikett "Hergestellt in Deutschland". Falls nur Trauben bzw. Grundweine aus Deutschland verwendet werden, handelt es sich um "deutscher Sekt". Es sind in der Regel sehr einfache Schaumweine mit teils beträchtlicher Süße. "Trocken" oder "halbtrocken" sind die überwiegenden Süßegrade. Wenn bei Wein "trocken" auf dem Etikett steht, kann man sich darauf verlassen, dass er mit maximal 9 Gramm pro Liter unvergorenem Frucht- oder Traubenzucker auch trocken schmeckt. "Trocken" bei Schaumweinen dagegen erlaubt eine Süße von bis zu 32 Gramm / Liter. Die Restsüße ist dann sehr deutlich zu erkennen. Halbtrockene Schaumweine dürfen gar bis zu 50 Gramm Zucker pro Liter enthalten, was leicht eine pappige Süße hervorruft. Dass die erlaubten Zuckerwerte von "trocken" und "halbtrocken" bei Wein und Schaumwein so gravierend voneinander abweichen ist legal, aber irreführend. Vor allem, wenn auf dem Etikett noch der beschreibende Zusatz "sehr trocken" zu finden ist. Der Durchschnittspreis einer Flasche Sekt aus Deutschland liegt erschreckenderweise unter 4 Euro. Darin enthalten sind neben der Mehrwertsteuer auch noch eine Sektsteuer von gut einem Euro pro Flasche. Zieht man die Flasche, Korken, Etiketten, Transportkosten, Marge für den Handel sowie Kapital- und Arbeitskosten für das "Versekten“ ab, dann bleibt für den Grundwein ein dramatisch geringer Wert von weniger als 50 Cent übrig.

Kann damit Qualität produziert werden? Nein!

Das hört sich alles nicht vielversprechend an. Hilft aber alles nix. Ran an die Flaschen. Vielleicht können Millionen deutscher Konsumenten nicht irren!

Der Platzhirsch bei Sekt ist Rotkäppchen-Mumm mit 55% Marktanteil an der gesamten Schaumweinproduktion in Deutschland!. Die Marken des Giganten sind Rotkäppchen (45%), Mumm (7,5%), Jules Mumm (4,5%), MM Extra (6,6%), Geldermann und weitere. An zweiter Stelle steht die Henkell & Co. Sektkellerei (20%) mit den Marken Söhnlein Brillant (6,9%), Kupferberg (2,7%), Fürst von Metternich (2,6), Deinhard und natürlich Henkel (2,6%). Zu Schloss Wachenheim (20%) zählen die Marken Faber (3,2%), Nymphenburg oder auch Feist. 



Fürst von Metternich Riesling Extra trocken

Dieser Sekt ist ein deutscher Sekt, der aus der Sorte Riesling besteht. Zitrusfrucht und tropische Früchte sind im Aroma zu finden. Die Säure ist knackig aber reif. Sie steht gut in Balance mit der geringen Säure. Leichte Bitternoten und ein etwas sprödes Finish vermindern den sonst guten Eindruck. 

Geldermann Brut

Bei diesem Sekt gibt es auf dem Rückenetikett eine Angabe zu den Rebsorten: Pineau de Loire, Chardonnay und Pinot (nicht klar welche Pinot Variante). Somit stammt zumindest ein Teil der Grundweine aus Frankreich (Pineau de Loire). Das Verfahren ist die traditionelle Flaschengärung, welche aufwändiger als die Tankgärung und die normale Flaschengärung ist. Dies bedeutet, dass hier ein intensiverer und längerer Kontakt mit der Hefe als im Tankverfahren stattgefunden hat. Im Geruch drückt sich dies durch Aromen von Biskuit und Brioche aus. Insgesamt ist der Geruch intensiv, die Säure moderat hoch und harmonisch mit der Süße von rund 10 Gramm pro Liter balanciert. Der Geldermann Brut ist ein gutes Produkt, das mit Druck und Frische überzeugt. 

Henkell trocken

Der nach der eigenen Angabe auf dem Etikett "feine Sekt" erinnert im Duft an Melone und Fruchtsalat. Die Säure ist hoch und etwas dominant. Der Nachgeschmack ist deutlich bitter und das Mundgefühl merklich austrocknend. 

Jules Mumm Dry - Sekt hergestellt in Deutschland

Sauber, Aromen von Fruchtsalat mit Banane und Birne, trotzdem recht neutral, hoch in der Süße bei gleichzeitiger Frische, Süße ist etwas unbalanciert. 

Kupferberg Gold trocken

Der Sekt wirkt wenig dynamisch und hat bereits erste Altersnoten. Im Nachgeschmack bleibt auch eine gewisse Trockenheit. 

Mumm Dry

Der Mumm erinnert an Birne und Quitte. Die merklich hohe Süße ist mit einer sehr frischen Säure ordentlich balanciert. Der Abgang ist mittel lang und angenehm. Somit ist Mumm Dry ein ordentliches Produkt. 

Rotkäppchen halbtrocken

Gelbe Früchte, Apfel, fruchtige Brause im Aroma. Süß, hohe Säure. Etwas unbalanciert und spröde im Abgang für einen "Sekt feinster Komposition" wie es auf dem Etikett angegeben ist. 

Rotkäppchen trocken

Im Aroma wirkt der Sekt bereits etwas überreif und überaltert. Davon abgesehen ist er eher neutral. Die Säure wirkt milder als bei den meisten anderen Sekten.

Söhnlein Brillant trocken - Sekt hergestellt in Deutschland

Das Etikett lobt den Sekt als "sehr trocken" aus, was mit seiner leicht pappigen Süße absolut nicht zutrifft. Das Aroma ist blumig-fruchtig und erinnert etwas an den Duft von Weichspüler. Der Sekt ist sauber. Es fehlt jedoch Frische!

Schlumberger brut 2013 (Verkostungsgast aus Österreich)

Jahrgangssekt ohne Sortenangaben nach der traditionellen Flaschengärung. Intensive Aromen, aber wenig komplex, bissiges Mousse, deutlich austrocknend im Abgang. 

Krimskoye (Verkostungsgast aus der Ukraine) 

Bereits oxidative Aromen. Sehr süß. Nicht balanciert. Sehr spröde. 

Scavi & Ray Prosecco (Verkostungsgast aus dem Prosecco Gebiet)

Helles Strohgelb, für Prosecco typische Aromen von Birne und Holunder, hohe Süße, mittlere Säure, es fehlt etwas Frische. 



WINZERSEKT

Es gibt nur wenige Topproduzenten, die sich ausschließlich dem Sekt verschrieben haben. Dazu gehören das Sekthaus Solter, Schloss Vaux oder das Sekthaus Raumland. Sehr viele Winzer von Stillwein lassen darüber hinaus Sekt von Spezialisten aus ihren Weinen "fremdversekten", da der technische Aufwand, Sekt herzustellen doch sehr groß ist. 



Andres & Mugler Riesling Sekt brut

Grapefruit und Orangenschale prägen das sehr frische Aroma dieses Rieslingsektes, der mit der traditionellen Flaschengärung hergestellt wurde. Die Säure ist knackig, der Körper schlank und im Mund entsteht ein angenehmes Gefühl von kalkiger Kühle. Ein mittlerer Körper, eine gute Balance aller Komponenten und ein langer Abgang machen diesen erfrischenden Sekt zu einem sehr guten Vertreter von hochklassigem Riesling Sekt aus Deutschland.

Bernhard Huber Rosé brut 2007

Der Rosé aus Spätburgunder im traditionellen Verfahren zeigt bereits viel Reife. Rote Johannisbeere, Waldboden, etwas Nelke und Wacholder. Es ist ein komplexer, langer und kräftiger Sekt, der sich besonders als Essensbegleiter hervortut. Z. B. zu Gegrilltem fährt er prächtig auf. 

Melsheimer Rural 2015

Der Rural von Torsten Melsheimer ist eine Ausnahmeerscheinung in dieser Runde. Der Riesling wurde nur mit einer Gärung hergestellt und enthält noch das Hefelager. Die Farbe ist tief strohgelb und das Aroma sehr intensiv. Es erinnert an Traubensaft und Cidre. Die Hefe ist deutlich erkennbar. Der Sekt ist trocken, sehr frisch in der Säure, lang und ausdrucksstark. Er polarisiert. Für mich ist er der perfekte Begleiter an einem warmen Sommerabend. 

Raumland Marie-Luise brut

Der reinsortige, weiß gekeltert Spätburgunder Sekt ist kraftvoll und lang. Die frische Säure ist mit der feinen Dosage von rund 8 Gramm pro Liter in einer guten Balance. Rote Früchte, frische Hefe, weiße Blüten und geröstete Haselnüsse prägen das Aroma. Es ist ein Aperitif, der aber auch zu einer Vielzahl von Speisen harmoniert.

Raumland Rosé Prestige brut

Zartes Himbeerrot, Aromen für Erdbeere, rote Johannisbeere und etwas Brioche. Der Spätburgunder Sekt ist sehr frisch, schlank und lang. Ein herrlich eleganter, lebendiger und akzentuierter Rosé.

Raumland Blanc de Noirs Prestige brut

Haselnüsse, Karamel, Brioche, Zitrusnoten. Frische Säure, sehr trocken (3 Gramm / Liter), kraftvoll, dynamisch und strukturiert. Der Blanc de noirs Prestige ist ein Sekt, der mit seiner Intensität und Struktur überzeugt. 

Raumland Fleur Doux

Intensivste klare Holunderblüte, Litschi, Trauben und Grapefruit. Hohe Süße mit 60 Gramm / Liter in herrlicher Balance mit einem geringen Alkohol von 6 Vol.-% und einer knackig frischen Säure. Ein Riesenspaß an Sommertagen zu frühem Aperitif, zu kräftig-salzigem Käse oder Desserts mit gelben Früchten. 

Rebholz Pi No Rosé brut 2010

Sehr fruchtbetont mit Noten von Erdbeere und Himbeere, gleichzeitig auch würzig und erdig mit einem deutlichen Hinweis auf den Ausbau der Grundweine im Holz. Auch Aromen von Brioche und kandierten Früchten vom langen Flaschenlager. Der Sekt ist knochentrocken, frisch in der Säure, komplex und bringt vom Spätburgunder sowie Fassausbau "Gripp" auf die Zunge. Der Sekt ist sehr kräftig, lang und eignet sich hervorragend als Begleiter von Schalentieren, Gegrilltem oder auch kurz Gebratenem. 

Reichsrat von Buhl Reserve brut

Der Reserve brut des Spitzenweingutes mit langer Tradition ist im Aroma von Weißburgunder, Chardonnay und der Zeit auf der Hefe geprägt. Er ist nussig, hefig, hat Nuancen von weißen Blüten, kandierten Zitrusfrüchten und Honig. Die Säure ist frisch, der Körper mittelgewichtig und der Abgang verfügt über eine gute Länge. Es ist ein hervorragender Sekt, der wunderbar ausbalanciert ist. Ein Sekt, der schon deutlich an gut gereiften Champagner erinnert. 

Reichsrat von Buhl Riesling brut

Die Rieslingaromen treten hier besonders deutlich hervor: Weißer Pfirsich, Zitrone, Quitte und Grapefruit. Er ist intensiv, trocken, sehr frisch in der Säure sehr gut balanciert und auch lang. So zeigt sich Riesling Sekt, wie er sein sollte, aber nicht allzu häufig zu finden ist.



FAZIT

Für wenig Geld bekommt man wenig Qualität ins Glas! Von den verkosteten Marken war mit Abstand Geldermann brut am besten, der jedoch auch bereits gut 10 Euro kostet. Davon abgesehen würde ich am ehesten Mumm Dry empfehlen, der für rund 6 Euro sauber, frisch und ausgewogen ist. 

Die Winzersekte, die wir verkostet haben, zählen zu Deutschlands Spitze. Bereits ab 13 Euro gibt es erstklassige Tropfen, die enorm frisch (Andres & Mugler Riesling brut, Reichsrat von Buhl Riesling brut) und elegant sind (Raumland Rosé Prestige brut), hervorragend Speisen begleiten (Rebholz PiNo Rosé brut 2010, Bernhard Huber Rosé brut 2007, Raumland Blanc de Noirs Prestige brut), mit Champagner verwechselt werden können (Reichsrat von Buhl Reserve brut) und manchmal sogar richtig originell sind (Melsheimer Rural 2015, Raumland Fleur Doux). 

Diese Probe war eine der interessantesten und kurzweiligsten der letzten Monate. Wir werden das Thema fortführen und in absehbarer Zeit weitere Sektverkostungen mit neuen Produkten durchführen. 

AUTOR: BERNHARD MESSMER